Freitag, 18. Februar 2011

Kai-Uwe in Amerika - Teil 1

Kai-Uwe in Amerika

Ein Drama in ______ (endgültige Zahl bitte hier eintragen) Akten

1. Akt:

Aufbruch


Mein Name ist Kai-Uwe. Meine Eltern, die ich mein ganzes Leben lang für diesen Namen verflucht habe, konnten sich einfach nicht zwischen zwei völlig unverfänglichen Vornamen entscheiden. Kai. Naja, was soll man sagen. Kai ist doch ein vollkommen akzeptabler, durchschnittlicher Name für ein Kind. Und Uwe… naja… Uwe klingt zwar etwas altertümlich, aber wenigstens schwingt im Klang des Namen Uwe nicht dieses Waldorfschulenflair mit. Aber gut, Kai-Uwe sollte es also sein. Gott weiß, was in den Köpfen meiner Erzeuger, die übrigens bis heute der festen Überzeugung sind, dass sie mir mit diesem Namen den größten Gefallen überhaupt taten, damals vorging.


Meine Kindheit verlief dann auch so, wie sich der Otto Normalverbraucher die Kindheit eines Kai-Uwes so vorstellt. Ich bekam jede Menge Holzspielzeug, mit dem ich, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, im Laufe meiner Kindheit diverse Fenster und Fernsehbildschirme zerschmetterte, Tapeten von der Wand abschabte und meine Kindergärtnerin mit einer Platzwunde und einer Gehirnerschütterung versah. Ich lernte, meinen Namen sowohl in Schreib- als auch in Druckschrift zu tanzen, spielte mit meinem Meerschweinchen Heinz-Peter (wieder ein Vorschlag meiner Eltern) Crocket in unserem Schrebergarten (Heinz Peter war ein vorzüglicher Ball, der leider viel zu früh von uns ging) und entdeckte meine Leidenschaft für die Malerei (vornehmlich zeichnete ich Strichmännchen auf Großmutters selbst gehäkelte Tischdeckchen). Kurzum, meine Jugend war die vermutlich glücklichste Jugend, die ein Kai-Uwe jemals auf dieser Erde (ach, was sage ich: in unserem Sonnensystem) erlebt hat… Wobei ich bezweifle, dass das Phänomen Kai-Uwe auch außerhalb des deutschsprachigen Raums im Universum Verbreitung gefunden hat. Im Laufe meiner Jugend besuchte ich verschiedene Bildungseinrichtungen. Die da waren (geordnet in chronologischer Reihenfolge): der Kinderhort, der Kindergarten, die Grundschule, das Sommercamp für Hochbegabte Cellisten und das städtische Gymnasium, in dem mir gestern mein Abiturzeugnis überreicht wurde.


Und jetzt sitze ich im Flur meines Elternhauses. Meine Koffer sind gepackt, ich trage mein bestes Hemd und meine dunkelgrüne Schirmmütze mit dem Blümchenmuster. Eine Hose habe ich natürlich auch an. Es ist 4 Uhr früh.


Ich habe lange überlegt, wie es nach meinem Abschluss weitergehen soll. Ein sofortiges Studium kam für mich nie in Frage, auch wenn ich meinen Eltern seit zwei Wochen vorgaukle, dass ich mich schon für das BWL-Studium eingeschrieben habe. Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, einfach wegzufahren. Nach London oder so. Irgendwo, wo es groß ist. Normalerweise mag ich sowas ja gar nicht, aber warum nicht mal was verrücktes ausprobieren.


Gestern habe ich mich dann entschieden. Ich werde morgen aufbrechen, noch bevor jemand aufwacht. Einfach weg. Jetzt ist morgen und meine Knie werden immer weicher. In meiner rechten Hand halte ich die Tasche. Von Sekunde zu Sekunde fühlt sie sich schwerer an. Ich habe alles reingetan, was mir irgendwie sinnvoll erschien: Wäsche für eine Woche, alles Geld, das ich in der Wohnung finden konnte (97,59€ - habe dreimal nachgezählt) ein kleines Zelt, einen Schlafsack, meinen Teddybären und diverse Hygieneartikel (darunter drei Hautcremes auf pflanzlicher Basis – meine Mutter sagte immer: „Verreise nie ohne mindestens zwei Hautcremes auf pflanzlicher Basis“, ich gehe auf Nummer sicher).


Ich spüre den Türgriff in meiner Hand. Er ist kalt und rau, wirkt aber auf eine seltsame Weise vertraut. Ich drehe mich ein letztes Mal um, lasse meinen Blick durch den Flur schweifen, zucke mit den Schultern und verlasse das Haus. Fast lautlos fällt die Tür hinter mir ins Schloss.


Dann mal los.



Fortsetzung folgt nächste Woche.

Kommentare:

  1. Es empfiehlt sich in solchen Situationen, stets ein Stück Schnur und ein Sackmesser in der Tasche zu tragen. Ich hoffe, Du hast beides nicht vergessen …

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  2. ... und ein Handtuch! Auf keinen Fall das Handtuch vergessen!

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  3. liest sich ganz gut! werde mir heute abend den rest der geschichte zu gemüte führen!

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